Gedanken zum Thema „Von Göttinnen und Menschenfrauen“
Wie bereits der Ausstellungstitel „Von Göttinnen und Menschenfrauen“ andeutet, sind die aktuellen Arbeiten von Ingrid Loibl zum einen von ihrem spirituellen Zugang zum Thema (Frau-)Sein geprägt. Zum anderen reflektieren sie das Frauenbild der Gegenwart, das vom Wunsch nach ewig jugendlicher Schönheit und dem Streben nach Perfektion geprägt ist.
In einigen von Ingrid Loibl´s neuen Arbeiten finden sich Darstellungen altorientalischer Göttinnen wie Isis, Hathor und Maat wieder (oder aber auch Anklänge an die „Venus von Willendorf“).
Daher möchte ich zunächst auf den für die Künstlerin ganz wesentlichen spirituellen Aspekt eingehen:
Die Frauenforschung auf dem Gebiet der Alten Geschichte bzw. die Matriarchatsforschung hat unter anderem nachgewiesen, dass Frauen im Zuge der Durchsetzung des Patriarchats – ein Prozess, der von etwa 3100 bis 500 v. Chr. dauerte - ihrer ursprünglichen Funktion als Vermittlerinnen zum Göttlichen schrittweise beraubt wurden. In vorantiken, agrarischen, von den zyklischen Abläufen der Natur bestimmten Zivilisationen dominierte das weibliche Element, das mit der Auffassung einer weiblichen göttlichen Trinität, d.h. mit dem Wachsen, Reifen und Vergehen alles Lebendigen korrespondierte.
Die Erde als die Große Mutter garantiert die Wiedergeburt und Ernährung allen Lebens. Sie ist die eine Urgöttin, die andere Urgöttin ist die kosmische Göttin als Schöpferin des Universums. Diese Art der Vorstellung vom Göttlichen ist – wie die bekannte Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth festgestellt hat – nicht transzendent, sondern immanent. - Das heißt, die gesamte Natur ist göttlich, und zwar eine weiblich verstandene Gottheit. „Der Kosmos ist als Urgöttin die Schöpferin, die Erde ist als Urgöttin die Mutter alles Lebendigen. Deshalb gilt die gesamte Natur als heilig.“ Daher gibt es auch im täglichen Leben keine Trennung zwischen dem Profanen und dem Sakralen. – Jede alltägliche Handlung wie z.B. Säen, Ernten, Kochen, Weben ist zugleich ein bedeutungsvolles Ritual. Göttner-Abendroth definiert daher Matriarchate als sakrale Gesellschaften und Göttinnenkulturen.
Das Naturbild – und nicht zuletzt auch das Frauenbild – in patriarchalen Gesellschaften ist davon das genaue Gegenteil: In frühpatriarchalen Gesellschaften wurde die Natur genauso wie die Frau dämonisiert. In der Industriegesellschaft wertete man die im Laufe der Jahrhunderte entheiligte Natur dann schließlich als bloße „Ressource“, von der man unerschöpflich nimmt ohne zurückzugeben. Analog dazu wurde die Frau zur menschlichen Ressource, die durch ihre Arbeit als Hausfrau und Mutter die Basis der Gesellschaft überhaupt erst zur Verfügung stellt – und zwar genauso gratis wie die Natur.
Quellen aus der Zeit der ältesten Schriftzeugnisse zeigen höchst unterschiedliche Seiten einer mächtigen weiblichen Gottheit auf: Nämlich sowohl kriegerische als auch erotische und mütterliche Aspekte.
Das gilt beispielsweise für die ägyptische Göttin Hathor, die einerseits aggressive Züge und andererseits stark ausgeprägte mütterliche Züge aufweist. Da Krieg und Kampf auch im Alten Orient eine männliche Domäne waren, durchbricht sie als aggressive Göttin die soziale Ordnung und die Grenzen zwischen den Geschlechtern. Gleichzeitig aber wurde Hathor als Mutter der Götter gepriesen und als Lebensspenderin bzw. Lebenserhalterin verehrt. Dieser mütterliche Aspekt wird vor allem durch die Kuhgestaltigkeit der Göttin symbolisiert.
Die Verehrung einer derartigen weiblichen Gottheit bot somit weit vielfältigere Identifikationsmöglichkeiten für Frauen als die heute wirksamen großen theologischen Traditionen, in denen ein männliches Gottesbild im Zentrum steht.
Für die feministische Spiritualität, die sich als eigenständige Strömung innerhalb der westlichen Frauenbewegung begreifen lässt, wurde die Göttin daher zum Symbol weiblicher Bedürfnisse, Werte und Erfahrungen und somit zur Leitidee gesellschaftlicher Veränderungen.
In diesem Sinne stellt die Göttin auch für Ingrid Loibl eine wichtige Inspirationsquelle dar. Indem sie den weiblichen Körper in die Landschaft einfließen und mit der Natur wieder eins werden lässt, streicht sie die Erdverbundenheit als besonderen Aspekt des Frau-Seins hervor. Wohingegen ihre anmutigen, zerbrechlichen und wie Schattenfiguren wirkenden „Tänzerinnen“ gewissermaßen das aktuelle Frauenbild symbolisieren: Nämlich ein nach wie vor patriarchal geprägtes Frauenbild, das Frauen dazu verleitet, nicht nur stets perfekt, jugendlich, schlank und schön auszusehen, sondern sich auch möglichst männliche Eigenschaften anzueignen. Das heißt: In allem, was sie tun, noch besser und noch erfolgreicher zu sein, ihre Rolle in Beruf, Familie und als Geliebte noch gekonnter zu beherrschen.
Alexandra Schantl, Kunsthistorikerin,
Kulturabteilung Land Niederösterreich
Rede zur Eröffnung der Ausstellung
Verwendete Literatur:
Heide Göttner-Abendroth: „Spiritualität und Natur“, Vortrag 9. April 2003, Universität Wien
(Quelle: http://www.rpi.at, 30.08.2004)
Birgit Langer: „Gott als Frau. Altorientalische Quellen der Göttinnenverehrung“, in: Edith Specht (Hrsg.): „Nachrichten aus der Zeit. Ein Streifzug durch die Frauengeschichte des Altertums“, Wien, Wiener Frauenverlag, 1992